Überlegungen zu den Veränderungen in der Jugendhilfe der Stadt Aschaffenburg
Autor: Ganz Sebastian im Auftrag: Spiel- und Kulturinitiative Athenaeum
Aschaffenburg, den 19. Januar 2008
Inhalt
- Einleitung: Das Athenauem
- Spiel und Integration
- Spiel und Bildung
- Recht auf Spiel und Partizipation
- Anregungen des Athenaeums
1. EINLEITUNG
Das Athenaeum ist eine Spiel- und Kulturinitiative, die von Jugendlichen und Erwachsenen aus Aschaffenburg gegründet wurde. Die Gruppe sieht ihre Aktionen als Reaktion auf die konzeptionellen und personellen Kürzungen im Bereich der Spielpädagogik. Zu der Argumentation von Stadt und Jugendhilfe möchten wir in dem folgenden Papier Stellung beziehen. Dazu gehören die geplante Stärkung der Integration jugendlicher Immigranten und die fehlenden finanziellen und personellen Ressourcen für den Bereich der Spielpädagogik.
2. SPIEL UND INTEGRATION
Aus den Richtlinien zur Integration der bayerischen Landesregierung können folgende Grundaussagen zu Integration entnommen werden.
- „Integration bedeutet die gleichberechtigte Teilhabe am sozialen, kulturellen,
gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Leben.“
Das Papier sieht Integration unter anderem als:
- „…eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Staatliches und kommunales Handeln muss
ergänzt werden durch die Mitwirkung aller gesellschaftlichen Gruppen und als Hilfe zur Selbsthilfe angelegt sein.“
- „…ein gegenseitiger Prozess. Sie kann nicht verordnet werden, sie kann nicht einseitig gelingen, sie muss von allen Beteiligten angestrebt und gelebt werden.“
Hilfestellungen werden vor allem in folgenden Bereichen eingefordert:
- „zum Spracherwerb auf allen Ebenen… Einstieg und Verbleib in der Arbeitswelt… in Bereichen der gesellschaftlichen Integration.“
Seit 1992 wird in Aschaffenburg Spielpädagogik gepflegt. Beginnend im Jugendhaus Landing und später fortgesetzt im damals neu gegründeten Jugend- und Kulturzentrum der Stadt. Dabei waren die Klienten der Jugendarbeit stets durch ihre Mischung von jugendlichen Einwanderern verschiedenster Nationalitäten und deutschen Jugendlichen geprägt.
Aus diesen Jugendlichen versammelt sich auch der Kreis derjenigen, die von den spielpädagogischen Angeboten Gebrauch machen.
Die gemeinschaftliche Beschäftigung beim Spiel über Sprache, Gestik und Mimik legt dabei den Grundstein für eine Form des Kennenlernens. In ihrer Ausprägung diesbezüglich einzigartig, insofern alle wichtigen Aspekte und Werte menschlichen Zusammenlebens sich alleine im Akt des Spielens wieder spiegeln, unabhängig von der Art des Spiels:
- Konkurrenz, Macht, Anerkennung und Selbstbestätigung
- Spaß und Freude
- Leistungsdenken und Solidarität, Nächstenliebe
- Niederlagen erleben / beifügen
- Fähigkeiten entdecken und fördern, Unsicherheit erleben und abbauen
- Mit Ängsten fertig werden und Hemmungen überwinden
- Auseinandersetzung mit sich selbst und den anderen
Diese Aufstellung entstammt dem Forum für die Praxis sozialer Arbeit.
Spielen ist lebendige Integration. Der ideale Rahmen für kulturellen Austausch, das Erleben und Lernen voneinander und die Erfahrung von Unterschied und Gemeinsamkeit. In einem sich für den Klienten erstreckenden sozialen Netzwerk findet er Freundschaften, Halt und Ressourcen sowohl zur gegenseitigen Unterstützung als auch zur Selbsthilfe.
Damit diese Arbeit einen konzeptionellen Rahmen erhält, reflektiert durchgeführt und dokumentiert wird und eine pädagogische Betreuung gewährleistet sein kann, ist die Unterstützung durch eine pädagogische Fachkraft unablässig. Wenn den lebensweltlichen Verhältnissen junger Zuwanderer wirklich Rechnung getragen werden soll, wird auch das Gesprächsangebot für belastende Lebensinhalte der Klienten von Nöten sein. Beim Aufbau von Beziehungsarbeit, wie es im Bereich Spielpädagogik der Fall ist, wird das Vertrauensverhältnis der Teilnehmer zu den Betreuern solche Themen irgendwann ganz natürlich offen legen. Dies ist ein wesentlicher Aspekt der Arbeit und von Ehrenamtlichen weder zu bewerkstelligen, noch auf deren Schultern zu legen.
Die Hilfe von Ehrenamtlichen ist aber selbstverständlich bei der Planung, Durchführung und Konzeption des Angebots zu nutzen. Über die Jahre hat sich ein Kreis gebildet, der dutzende Helfer umfasst und die für ihn adäquaten Aufgaben mit Verantwortungsbewusstsein und Begeisterung annimmt. Diese Gruppe junger Menschen, so ist anzumerken, ist durch genau die von der Stadt angebotene Spielpädagogik entstanden. Viele der persönlichen Ressourcen, die sie heute zu so wertvollen Ehrenamtlichen machen, haben sie dort gewonnen. Das Erlebte in einem geförderten Zustand für kommende Generationen zu wissen, auch wenn sie durch Ausbildung oder Beruf die Stadt verlassen, liegt diesen Menschen sehr am Herzen.
Deshalb machen wir Mitbestimmung / Partizipation bei der Entscheidung über konzeptionelle Änderungen am Bereich Spielpädagogik zu einem unserer wesentlichen Hauptinhalte.
3. SPIEL UND BILDUNG
In der „Evaluation von Bildungswirkungen in der kulturellen Kinder- und Jugendarbeit“, einem Bericht der im Arbeitsauftrag des Landes Nordrhein-Westfalen von Werner Lindner verfasst wurde, heißt es:
„1. Bildung bezeichnet das Vermögen, sich in sich fortwährend ändernden, unübersichtlichen und komplexen Lebenswelten zu orientieren. Weil Bildung eher ein Reservoir von Möglichkeiten und Potenzialen bezeichnet, vermag eine Evaluation von Bildungseffekten in der Folge keine ein für allemal feststehenden Wirkungen trennscharf zu bestimmen, sondern kann allenfalls lebenslang sich verändernde, dabei flüchtige und hochgradig intransparente Effekte punktuell einschließen.
2. Im Rahmen einer hierauf angelegten explorativen Evaluation ist zu berücksichtigen, dass ein solchermaßen auf Subjektorientierung, Persönlichkeitsentfaltung, lebenslangem Lernen, Prozessoffenheit und Nicht-Planbarkeit basierendes Bildungsverständnis einen nicht-normativen, deutend-interpretativen Zugang erfordert.
3. Schließlich ist das Kriterium der Freiheit bzw. Freiwilligkeit – als essenzielle Strukturmaxime der kulturellen Kinder- und Jugendbildung – eine unabdingbare Voraussetzung für selbstinitiierte Bildungsprozesse. Sofern also deren Angebote von ihren Zielgruppen im Sinne aktiv-erprobender, kreativer Auseinandersetzung mit ästhetischen, künstlerischen und kulturellen Materialien und Medien genutzt wird, ist – so die Hypothese – davon auszugehen, dass vielfältige subjektbezogene Anregungs- und Bildungsprozesse mit hoher Wahrscheinlichkeit stattfinden.
Weiter heißt es im Text:
Es ist „festzustellen, dass in der gegenwärtigen Debatte über Bildung eine Engführung auf funktionale, utilitaristische und integrative Zwecke erfolgt, die Bildung primär im schulischen Kontext auf formale Merkmale reduziert.“
Dem Münchner Kulturrat Dr. Wolfgang Zacharias nach:
Darf „Bildung nicht nur Spaß machen, sie muss es sogar. Nur meint er hier nicht schrille Grenzüberschreitung, verantwortungsblinden Hedonismus und folgenloses Instant-Vergnügen, sondern auch und vielmehr: Hingabe, Vertiefen, Versenken in einen Gegenstand, höchste Konzentration, Eigenverantwortlichkeit, Interesse und Herausforderung in der Realisierung selbst gewählter Aufgaben und hohe Identifikation mit dem eigenen Tun, welches insofern eher einem Verständnis von „Sinn“ folgt.
Diese Aussagen mit dem Diskurs über Ganztagsschulen, Bildungsreform (und damit auch wieder Integration) zu verknüpfen zeigen, dass Jugendkulturarbeit ein wesentlicher Bestandteil von Jugendbildung ist.
Im Rahmen der in Nordrhein-Westfalen durchgeführten Untersuchung hat die kulturelle Kinder- und Jugendarbeit bzw. Kulturpädagogik als „offenes, vielfältiges System von Erfahrungsorten, Bildungsinhalten und Beziehungsformen im Umgang mit symbolischen Formen und experimentellen Lebensstilen“ nachweisliche Bildungseffekte zu verzeichnen,
die dazu beitragen:
- Ich- Stärke
- Erfahrungen der Selbstwirksamkeit
- soziale Sensibilität und
- Kultivierung der ästhetischen Expressivität zu entwickeln.
Diese Feststellung fand 2005 auch Eingang in den zwölften Kinder- und Jugendbericht.
Wenn also von immerwährender Steigerung der Budgetierung im Bildungsbereich in Aschaffenburg gesprochen wird, so empfiehlt es sich, die Qualitäten der eingesetzten Gelder zu prüfen. Welche Bildungsinhalte werden neben den Schulen benötigt, welche Fähigkeiten und Ressourcen sollen die jetzigen Schülergenerationen entwickeln?
Welche Eigenschaften werden ihnen in der freien Wirtschaft einen Ausbildungs- oder Arbeitsplatz ermöglichen und ihnen die Gelegenheit bieten, zu vollwertigen, kulturell sozialisierten Mitgliedern der Gesellschaft zu werden?
Jugendkulturarbeit und damit auch die Spielpädagogik leisten hier einen Dienst an der Bildung, den die Schulen weder als Auftrag wahrnehmen sollen, noch ganzheitlich zu leisten im Stande sind.
Der 12.Kinder- und Jugendbericht sagt hierzu:
„Das Zusammenspiel von Bildungsorten und Lernwelten muss angesichts der Pluralität und Heterogenität von Lebenslagen so beschaffen sein, dass unterschiedliche Bildungsangebote und Lernformen mit ihrem jeweiligen Eigensinn allen Kindern und Jugendlichen Differenz-erfahrungen ermöglichen.“
Wir als Athenaeum sehen in diesem Zusammenhang eine finanzielle und konzeptionelle Kürzung der Jugendkulturarbeit, die wesentlich weniger Mittel einspart, als ihr gesamtgesellschaftlicher Nutzen zu bewirken im Stande ist.
4. RECHT AUF SPIEL UND PARTIZIPATION
Wenn wir vom Recht auf Spiel sprechen, dann in einem Zusammenhang der vom Bild des kompetenten Kindes/ des kompetenten Jugendlichen nach Dieter Baacke ausgeht. Für ein solches Verständnis ist die „Kultur des Aufwachsens“ aus dem 11. Kinder- und Jugendbericht von wesentlicher Bedeutung und diese nimmt mit der Festlegung des ganzheitlichen Kultur- und Bildungsbegriffes aus dem Nachfolgebericht 2005 dazu Jugendarbeit und Jugendhilfe in die Pflicht.
Sie benennt konkret das „Recht auf Spiel“ und die Akzeptanz des „Spielens“ als aktive, selbst- organisierte, unterhaltsame und gleichermaßen lehrreiche Lern- und Bildungsform. Spiel soll sich „in eigener Regie“ und im Prinzip „Selbstbildung“ vollziehen.
Um diesen selbstständigen Ansatz zu verwirklichen, geht die Kommission davon aus, dass die Hauptmotivation für Teilnahme und Engagement die jugendkulturelle Geselligkeit ist. Wenn, so der Bericht, die Jugendlichen dann in der Jugendhilfe selbstverantwortlich werden, so bestehen die Verpflichtungen überwiegend als Selbstverpflichtung der Adressaten.
„Auf dieser Basis bauen das Interesse an Teilhabe und die Wahrnehmung von Verantwortung auf. Ergänzt und unterstützt werden Aneignungsmotive und Vermittlungsformen durch die institutionelle Organisation von Mitbestimmung und Verantwortungsübernahme mit der Leitidee des sozialen und politischen Engagements.“
Diese Partizipation, welche als Strukturmaxime der Jugendhilfe schon im 8. Kinder- und Jugendhilfebericht genannt wird, zählt längst zum Instrumentarium des modernen Jugendhilfebegriffs.
Die bisherige Spielpädagogik in Aschaffenburg realisierte diesen so wichtigen Bereich der Teilhabe junger Menschen seit ihrem Beginn im Jahr 1992. Jetzt, wo konzeptionelle und personelle Streichung den Bereich gänzlich getilgt haben, stehen die Teilhabenden vor vollendeten Tatsachen und dem Gefühl, dass all ihre Mitbestimmung vergebens ist, sobald sie mit dem Jugendamt in Verbindung treten. Dieses Bild kann weder für das Jugendamt der Stadt, noch für die Stadt selbst wünschenswert sein.
Dies bedeutet in Folge, dass der für die Arbeit so notwendige Stamm von Ehrenamtlichen, auch in der Zukunft nur durch ein fortlaufend sicher gestelltes Angebot aufrechterhalten werden kann. Die Beteiligung junger Menschen muss sich hier jedoch nicht nur auf die Durchführung beschränken. Vielmehr kann auch in der Konzeption des Bereiches Spielpädagogik ein wesentliches Element der Beteiligung geschaffen werden, dass eine Mitbestimmung nicht nur zu zulässt sondern erwünscht. Der „kompetente Jugendliche“ ist so in der Lage seinen Bedürfnissen Ausdruck zu geben und eine Jugendhilfe mit zu gestalten, die seine Lebenswelt voll adaptiert. Die soziale Arbeit, die stets bestrebt ist die Klienten dort abzuholen wo sie stehen, könnte anstatt dessen von Ihnen selbst dorthin geführt werden.
5. ANREGUNGEN DES ATHENAEUMS
Aus den oben genannten Punkten hat das Athenaeum einen Katalog von Folgerungen entworfen, der es der Jugendhilfe ermöglicht ein bisher nicht oder nur eingeschränkt genutztes Potential zu entwickeln.
1) Die Wiederherstellung des Bereichs „Spiel“ in der Jugendkulturarbeit mit den monetären und strukturellen Bedingungen von 2005 (und/oder eine Erweiterung).
2) Eine zukunftsorientierte Planung des Bereichs „Spielpädagogik“.
3) Eine Wiederaufnahme des Bereiches Spiel mit den dazugehörigen Angeboten in das Konzept des Jugend- und Kulturzentrums.
4) Die Ausarbeitung einer beiderseitig akzeptierten Lösung für die personelle Struktur des Bereiches „Spiel“ zwischen der Stadt Aschaffenburg und dem Athenaeum.
5) Die Sicherung des Bestandes, namentlich des Spielearchivs. Zentrale Verfügbarkeit und Lagerung dessen und konzeptionelle Bedingungen um die bestehenden Artikel zu nutzen.
6) Die weitere Mitbestimmung von Jugendlichen und jungen Erwachsenen für die Konzeption des Bereichs „Spielpädagogik“ als Element der Jugendkulturarbeit von Aschaffenburg.
Februar 7, 2008 um 2:59 |
Tja ist echt schade, dass man euch nicht hat reden lassen. Man könnte vermuten, dass es an Kritikfähigkeit mangelt.